Storytelling – Beispielhafte Geschichten als rhetorisches Mittel überzeugend und mitreißend erzählen

Eine Geschichte ist laut Duden eine „mündliche oder schriftliche, in einen logischen Handlungsablauf gebrachte Schilderung eines tatsächlichen oder erdachten Geschehens, Ereignisses; Erzählung.“ Dieses persönlich oder nicht persönlich erlebte Geschehen setzen wir ein, um unsere Aussagen zu untermauern. Um sie zu beweisen.

Jürgen E. wollte mir und den Teilnehmern meines Seminars sagen, dass man  an seine Ideen glauben muss, auch wenn sie Konventionen widersprächen. Dazu erzählte er folgende Geschichte: „Meine Freundin Bettina und ich hatten den Traum, um die Welt zu reisen. Wir hatten zwar beide einen festen Job, doch wann, wenn nicht jetzt? Wir waren schon Mitte dreißig. Wir sparten, planten, kündigten und gingen dann 2003 für acht Monate auf Tour. 2004 waren wir wieder zurück. Es war toll. Es gab nur ein Problem, als wir wieder da waren: Wir waren blank. Sämtliche Ersparnisse waren aufgebraucht. Ich brauchte also schnell einen neuen Job.

Ich fing an, mich zu bewerben. Und jetzt kam die Angst. Würden die Arbeitsgeber die Lücke im Lebenslauf akzeptieren? Ich hatte vorher eine wirklich gute Stelle als Ingenieur. Würden wir jetzt in Hartz IV landen?

Es war August, als meine ersten Bewerbungen rausgingen. Aber nichts passiert. Keine Reaktion. Den ganzen September durch nichts. Obwohl ich mittlerweile über zehn Bewerbungen verschickt hatte. Ist es der Bruch im Lebenslauf? Lösen sich meine schlimmsten Befürchtungen ein? Wovon sollen wir leben? Anfang Oktober wurde ich langsam unruhig. Ich suchte ständig nach Stellenausschreibungen, sagte aber zu meiner Freundin: „Wenn ich nicht bald was finde, geh ich kellnern.“ Bei ihr lief auch nichts, trotzdem sagte sie: „Bleib ruhig.“ Leicht gesagt. Keine neue Stelle in Aussicht. War das der größte Fehler meines Lebens? Ich fing an zu joggen. Ich war nie ein großer Läufer. Aber Ende September lief ich täglich über eine Stunde am Stück.

Mitte Oktober dann klingelt das Telefon und ich werde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Und noch während ich mich darauf vorbereite, klingelt das Telefon wieder bei uns. Schließlich bekomme ich im Oktober 2004 sieben Vorstellungsgespräche. In sechsen davon kriege ich richtig Bewunderung für die Reise, jedes Mal ungefähr mit den Worten „Ach, davon habe ich auch immer geträumt“. Ich bekomme drei Angebote und habe die freie Auswahl. Ich entscheide mich schließlich für eine Stelle bei (einem großen deutschen Autokonzern). Und da bin ich noch heute.“

Wie baut man nun eine Geschichte auf?

Es gibt vier entscheidende Elemente, die in einer funktionierenden Geschichte vorkommen müssen. Das ist der Held, sein Ziel, seine Aufgabe und die Widerstände, auf die er trifft.

Held → Aufgabe → Widerstände → Ziel

Der Held kann ein Mann, eine Frau, ein Unternehmen, eine Abteilung sein, Hauptsache es ist ein Subjekt, das handelt. Zu Beginn einer jeden Geschichte gibt es eine Einleitung. In ihr lernen wir den Helden so weit wie nötig kennen. Dies machen wir meist ganz intuitiv, wenn wir anderen eine Geschichte erzählen. Um die Zuhörer zu interessieren, müssen die wissen, um wen es geht. Bei einer Erfolgsgeschichte Ihrer Abteilung werden Sie instinktiv dafür sorgen, dass die Zuhörer Ihre Abteilung erst einmal kennenlernen. Nur so können diese die folgenden Handlungsschritte auch gut nachvollziehen und deren Bedeutung einschätzen.

Der Held hat eine Aufgabe. Die Abteilung muss in einer vorgegebenen Zeit ein Projekt bis zu einem bestimmten Punkt entwickelt haben. Ein Arbeitsloser möchte eine neue Stellung finden. Eine Mutter will die beste Schule für ihr Kind finden. Der Held begegnet in der Einleitung seiner Aufgabe, er überlegt, ob er die Herausforderung annehmen soll, und in dem Moment, in dem er sich an die Bewältigung der Aufgabe macht, beginnt die Geschichte.

Somit ist auch klar, was mit dem Ziel gemeint ist: Der Zuhörer – und natürlich auch der Erzähler – muss wissen, was der Held erreichen will. Eine Geschichte, in der ein Held zu einem Ziel aufbricht, das wir nicht kennen, ist nicht besonders interessant, denn wir können als Zuhörer nicht mitdenken, nicht mitfiebern, nicht mit auf die Erreichung des Ziels hoffen. Unsere Erwartung ist nicht geweckt. Es fehlt der entscheidende Punkt beim Geschichten-erzählen: Die Identifikation mit dem Helden. Machen Sie also sich und den Zuhörern klar, wer der Held ist und was er erreichen möchte. Und erzeugen Sie bei den Zuhörern die Erwartung, wissen zu wollen, wie es ausgeht.

Im Weiteren entsteht die Geschichte dann daraus, wie der Held auf sein Ziel zugeht, es erreicht oder auch, wie er es nicht erreicht. Ob er das Ziel erreicht, ist nicht wichtig. Humphrey Bogart spielt in „Casablanca“ den Rick. Man wünscht ihm, dass er seine große Liebe zurückbekommt und mit ihr im Flugzeug davonfliegt. Doch gerade, indem er dieses Ziel nicht erreicht bzw. ausschlägt, bekommt der Film seine Kraft und Aussage.

Der Held geht also auf ein Ziel zu. Und wie er es zu erreichen versucht, welchen Schwierigkeiten er dabei begegnet und wie er mit diesen Schwierigkeiten umgeht, macht die Geschichte eigen, ausdruckskräftig und spannend. Wenn er das Ziel erreicht, ist es eine Erfolgsgeschichte. Erreicht der Held das Ziel nicht, kann die Geschichte gleichwohl spannend und lehrreich sein.

Spannend wird jede Geschichte aber erst durch die Widerstände. Das ist die vierte entscheidende Zutat für eine mitreißende Geschichte. Der Held trifft auf Widerstände. Wie geht er damit um? Kann er sie überwinden? Wird sein Zweifel ihn besiegen?

Je größer die Widerstände, desto spannender die Geschichte. Und im Umgang mit Widerständen, Schwierigkeiten, Hindernissen erfahren wir viel über den Helden (wie gesagt: es kann ein Mann, eine Frau, eine Institution etc. sein) und sein Umfeld. Und als Zuhörer ist es interessant, sich einzufühlen und den Weg gedanklich mitzugehen. Ist die Geschichte bildhaft und mitreißend erzählt, wird der Zuhörer hellwach und fasziniert folgen.

Der kleine Hobbit Frodo bekommt zu Beginn von „Der Herr der Ringe“ die Aufgabe, den letzten entscheidenden Ring zu vernichten, da sonst die Menschheit vernichtet wird. Könnte Frodo jetzt aufbrechen und ein Bus würde ihn bis zum Vulkan von Mordor fahren, wo er den Ring nur noch in die Lava werfen müsste, wäre der Herr der Ringe nicht einer der erfolgreichsten Filme der Filmgeschichte. Doch durch die enormen Widerstände, die sich ihm in den Weg stellen – Orks, Spinnen, Berge, Golom, größer, stärker, hinterhältiger als er – wird die Geschichte spannend. Wie soll er diese Widerstände nur überwinden? Das ist die Frage, die sich der Zuschauer stellt.

Wenn Sie also eine Geschichte in Ihren Vortrag einbauen, beschreiben Sie detailliert die Widerstände, die sich Ihnen oder Ihrem Helden in den Weg gestellt haben und wie Sie sie damit umgegangen sind. Schicken Sie Ihren Helden auf die Reise zu einem Ziel. Und im Erreichen oder Nicht-Erreichen des Ziels liegt die Aussage, die Sie mit der Geschichte untermauern wollen.

Wenn Sie das beherzigen, werden Ihre Zuhörer fasziniert sein und sich auch später noch an Ihre Aussagen erinnern.

 

 

Storytelling ist auch Teil der Rhetorik-Seminare und des “Redekurs intensiv”. Mehr erfahren Sie in unseren Seminaren.


Peter Lüder, Regisseur und Rhetoriktrainer

Peter Lüder, Regisseur und Rhetoriktrainer

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Eine Antwort auf Storytelling – Beispielhafte Geschichten als rhetorisches Mittel überzeugend und mitreißend erzählen

  1. Redenschreiber sagt:

    Grundzüge des Geschichtenerzählens beherrschen US-amerikanische Drehbuchautoren besonders gut. Ein Tipp für alle, die mehr über diese Kunst erfahren wollen, sind Anleitungen zum Drehbuchschreiben. Die guten Bücher zu diesem Thema sind fast so spannend zu lesen, wie die vielen Geschichten, die nach ihrer Anleitung geschrieben wurden. Ein Beispiel: Die Odyssee des Drehbuchschreibers von Christopher Vogler.