Storytelling – die Macht einer frei erzählten Geschichte

Ich gucke mir auf ted.org einen Vortrag über Bildung und Kreativität an. Ein Hochschulprofessor –  Bildung und Kreativität – na gut. Ich bin skeptisch. In Deutschland tendieren solche Konstellationen  oft zu abstrakt-klugen, kopfigen, letztlich unbefriedigenden Veranstaltungen. Man strengt sich an, und hat doch 2 Stunden später wieder das meiste vergessen. Später werde ich mir den Namen des hier Vortragenden Sir Ken Robinson merken. Rhetorisch stark. Mit Witz und Beispielen. Einfach großartig.

Er erzählt und es macht Spaß, ihm zuzuhören. Schnell vergessen wären die Aussagen wahrscheinlich trotzdem wieder. Doch dann erzählt er die Geschichte von Gillian. Und hier geht alles ineinander auf. Aussage und Inhalt wird nachvollziehbar und brennt sich ins Gedächtnis.

Eine Achtjährige mit Problemen in der Schule. Sie kann sich nicht konzentrieren. Mathe, Englisch, alles schwierig. Sie zappelt herum. ADHS war noch nicht erfunden, denn die Geschichte spielt in den 30er Jahren. Doch dieses Kind hatte offensichtlich einen Fehler. Also muss ihre Mutter mit ihr zu einem „Spezialisten“ gehen. Was ist mit dem Kind los?

Der Spezialist unterhält sich mit beiden. Nach  einiger Zeit sagt er zu Gillian: „Kannst du kurz hier warten, ich muss mit deiner Mutter draußen etwas besprechen.“ Bevor die beiden Erwachsenen das Zimmer verlassen, macht er das Radio an.

Draußen steht der Spezialist neben der Mutter, beobachtet Gillian durch eine Scheibe und sagt: „Jetzt warten wir einen Moment.“ Drinnen sitzt Gillian und hört Musik. Und es dauert nicht lange, da beginnt sie, sich zu bewegen. Sie fließt in die Musik. Sie geht in ihr auf. Sie steht auf und bewegt sich durch den Raum. Sie tanzt in ihrer Weise zur Musik. Der Spezialist nickt. Er sagt zu der Mutter: „Ihre Tochter ist nicht krank. Ganz im Gegenteil – sie ist begabt. Schicken Sie sie in den Tanzunterricht.“

Später wurde Gillian Lynne bekannt und berühmt. Unter anderem choreografierte sie die großen Andrew Lloyd Webber Musicals „Cats“ und „Phantom Of The Opera“.

Geschichten haben Macht. Und sie schaffen Verständnis.

Ich könnte sagen: Kreativität muss mehr Raum in der schulischen Ausbildung bekommen. Ich könnte sagen: Gerade die Begabtesten finden im System der Schulfächer nicht den richtigen Platz. Ich könnte sagen: Wer in Mathe, Deutsch oder Englisch versagt, kann trotzdem erfolgreich und unverzichtbar für die Entwicklung der Gesellschaft werden. Oder ich könnte die Geschichte von Gillian Lynne erzählen.

Und diese Inhalte und Aussagen werden im Zuhörer verankert. Jeder füllt die Inhalte mit eigenen Assoziationen auf. Jeder von uns war in der Schule. Jeder versteht, was mit Gillian losgewesen sein könnte. Selbst ein Mathegenie versteht das – wenn es bei der Geschichte vielleicht auch eher an Fächer wie Sport oder Kunst denkt.

Dadurch, dass wir als Hörer einer Geschichte unsere eigenen Gedanken und Gefühle zum Gesagten entwickeln, füllen wir eine Geschichte auf und machen sie zu unserer. Und das ist ein Teil der Macht des Geschichten – erzählens. Inhalte werden zu  Inhalten der Zuhörer.

Und die Inhalte werden erinnert. Kaum ein Mensch kann Zahlen, Statistiken, abstrakte Gedanken – und seien sie noch so klug – einen Tag nach einem Vortrag noch reproduzieren, wenn er oder sie dazu keine Gefühle und Assoziationen entwickeln konnte. Doch an eine Geschichte erinnert man sich. Und über diese Geschichte lassen sich auch die Inhalte wieder ins Gedächtnis rufen.

Storytelling ist ein zentrales Mittel, wenn Sie mit Ihren Zuhörern in Kontakt treten möchten, wenn Sie möchten, dass man Sie versteht und sich an das von Ihnen Gesagte auch im Nachhinein noch erinnert.

 

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